Wien hat den Prater, München das
Oktoberfest, Paris das Euro-Disney, die Eifel hat den Nürburgring und Krakau hat
Auschwitz. Wer auf dem Krakauer Flughafen Balice ankommt und ein Taxi in die Stadt nimmt,
wird, kaum daß er eingestiegen ist, vom Fahrer gefragt, ob er "nach Auschwitz"
möchte, im selben Tonfall, in dem Taxifahrer am Hamburger Hauptbahnhof Besucher aus der
Provinz fragen, ob sie "nach St. Pauli" möchten.
Und ist der Gast dann statt in Auschwitz in einem Hotel in
Krakau angekommen, findet er auf seinem Zimmer eineTouristenbroschüre, in der die
Sehenswürdigkeiten der Gegend vorgestellt werden, die er auf keinen Fall versäumen darf.
An dritter Stelle steht der Wintersportort Zakopane, an zweiter Wieliczka, eine alte
Salzmine, und an erster Stelle, wir ahnen es bereits: Auschwitz. Alle größeren Hotels
und Reisebüros bieten Tagesausflüge nach Auschwitz an, preiswert mit einem Bus, etwas
teurer, dafür aber komfortabler mit einem Mietwagen samt Fahrer, der zugleich als
Fremdenführer tätig wird.
Rund 500.000 Menschen kommen jedes Jahr zu Besuch nach
Auschwitz, eine Viertelmillion Polen und eine Viertelmillion Ausländer. Für die arme und
strukturschwache Region zwischen Kattowitz und Krakau ist Auschwitz nicht nur eine
Touristenattraktion, sondern auch ein ökonomischer Faktor ersten Ranges. So ist in den
letzten Jahren auch einiges in den Erhalt der Sehenswürdigkeit investiert worden. Das
Stammlager Auschwitz 1 sieht aus wie eine guterhaltene Kasernenanlage, die es in der
Zwischenkriegszeit tatsächlich war, auch das Lager Auschwitz 2 - Birkenau - wird
liebevoll gepflegt und könnte, von den gesprengten Gaskammern einmal abgesehen, morgen
wieder in Betrieb genommen werden. Und wüßte der Besucher nicht, daß hier
Hunderttausende von Menschen zu Tode gequält wurden, er könnte die ganze Anlage für ein
Open-air-Atelier halten, in dem vor allem Filme über das Leben in Konzentrationslagern
gedreht werden.
Auschwitz wird systematisch kaputtgepflegt, der Wunsch, die
Stätte des Grauens möglichst "authentisch" zu erhalten, damit sie von vielen
Menschen gegen ein Eintrittsgeld besichtigt werden kann, führt dazu, daß sich das Grauen
in ein Gruseln verwandelt, das vergnüglich erfahren wird, wie bei den Besuchern einer
Geisterbahn, die auch wissen, was sie erwartet, und die sich trotzdem auf den Weg machen.
Was den Besucher freilich noch mehr überrascht als der gute
Zustand der Anlage, ist die Tatsache, daß Auschwitz praktisch entjudet wurde. In
Informationsschriften zur Geschichte des Lagers werden Juden entweder überhaupt nicht
oder nur am Rande erwähnt. Da heißt es, nicht ganz falsch, aber eben auch nicht richtig,
in das Lager seien neben Polen auch Bürger jener Staaten gebracht worden, die von
NaziDeutschland besetzt wurden. Die einfache Information, daß neunzig Prozent der in
Auschwitz vom Leben zum Tode Beförderten Juden waren, sucht man vergeblich.
Auch auf dem Lagergelände findet man nur wenige Hinweise
darauf, daß man sich auf dem größten jüdischen Friedhof der Welt befindet. So war es
auch ganz folgerichtig, daß die Organisatoren der Gedenkfeiern keinen Grund sahen, den
Überlebenden und Angehörigen der Ermordeten die Gelegenheit zu einem Kaddisch, dem
jüdischen Totengebet, zu geben, und statt dessen einen "ökumenischen
Gottesdienst" ins Programm setzten.
Die Entjudung von Auschwitz ist der letzte Schritt einer
konsequenten Entjudung Polens. Der 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ist der
richtige Moment, um daran zu erinnern, daß bei Pogromen, die nach dem Krieg in Polen
veranstaltet wurden, Hunderte von Juden, die den Nazis entkommen waren, ihr Leben
verloren. Wer die Nazis und den einheimischen Mob überlebt hatte, wurde anschließend aus
dem Land geekelt. In zwei großen Auswanderungswellen, 1957/58 und 1968, verließen fast
alle Juden Polen. Heute leben im ganzen Land noch 3.000 bis 5.000 Juden. Vor 1939 waren es
über drei Millionen.
Doch über all das wird in Polen noch immer nicht gesprochen,
statt dessen werden Mythen gepflegt: daß es in Polen nie Antisemitismus gegeben habe,
daß Polen für die Juden ein Paradies gewesen sei, daß die Polen den bedrängten Juden
geholfen hätten, wo und wie sie nur konnten. Wahrscheinlich deswegen haben sich die
polnischen Bischöfe nicht zu einer Erklärung der Art durchringen können, wie sie eben
von den deutschen Bischöfen abgegeben wurde.
Heute vor 50 Jahren wurde Auschwitz durch die RoteArmee
befreit. Die Soldaten befreiten nicht nur das Konzentrationslager, sie befreiten auch die
Stadt Krakau und die Stadt Oswiecim. Doch weder in Krakau noch in O§wiecim finden
Befreiungsfeiern statt. Das historische Datum wird einfach ignoriert. "Wozu sollen
wir feiern, wir sind doch nur vom Regen in die Traufe gekommen?" sagen die Einwohner
von Krakau und Oswiecim. Nur in Auschwitz findet eine Feier statt, um einer lästigen
Pflicht zu genügen und sich gegenüber dem Ausland nicht zu blamieren. Nobelpreisträger
und Staatsoberhäupter aus der ganzen Welt sollen kommen. Doch die Angehörigen der
kleinen jüdischen Gemeinde von Krakau wurden nicht eingeladen. Sie werden heute, am 27.
Januar, das Totengebet sprechen und unter sich bleiben. Juden könnten an diesem Tag in
Auschwitz nur stören. Nach einer Meinungsumfrage, die eben veröffentlicht wurde, sind
nur acht Prozent der Polen der Meinung, in Auschwitz habe ein Massenmord an Juden
stattgefunden. Für die Mehrheit ist Auschwitz ein Symbol für die Leiden der Polen.
Vor über 50 Jahren haben es die Alliierten versäumt,
Auschwitz zu bombardieren. Seitdem ist aus dem Ort des Massenverbrechens ein Gruselpark
geworden, eine gewerbliche Touristenattraktion. Zum 50. Jahrestag der Befreiung sollte das
Lager dem Erdboden gleichgemacht werden - lieber zu spät als gar nicht. Ging es damals
darum, ein paar Menschen das Leben zu retten, kommt es heute darauf an, die Würde der
Toten zu wahren. Das sind die Überlebenden und Nachgeborenen den in Auschwitz Ermordeten
schuldig.
Henryk M.Broder - Publizist und Buchautor